Der Semmelweiß-Effekt

Ein prominenter Whistle Blower, den die meisten kennen ist Dr. Ignaz Semmelweis, der die Hygiene in Krankenhäusern nach vorne brachte.
Als die Geburtshilfeklinik der Stadt Wien in zwei Abteilungen geteilt wurde, bemerkte ein junger Arzt, dass Gebärende, die in der einen Abteilung nur von Hebammen betreut wurden nur eine 2-prozentige Chance hatten bei der Geburt zu sterben. Frauen, die in der zweiten Abteilung durch Ärzte betreut wurden starben zu 18 % - also 9 mal öfter.
In ganz Europa war es üblich zwischen den einzelnen Wehen die Wartezeiten mit Autopsien toter Frauen zu verkürzen und sich nicht die Hände zu waschen, wenn die Arzt mit dem Leichengift an der Hand an die Geburtswunden der Frau ging und dieser eine Blutvergiftung beibrachte.

16 Jahre lang hatte man sich damit begnügt die deutlich unterschiedliche Todesrate (nur 2 statt 18%) damit zu erklären, dass die Frauen ungünstig verspannt seien, wenn Ärzte also Männer sie untersuchten. Ein Skandal blieb aus, da Reiche sich Ärzte nach Hause holten. Auch, dass die Sterblichkeit so gering wie bei den Hebammen war als die Ärzte nicht an Leichen, sondern an Holzmodellen übten gab noch keinen Hinweis auf das fehlende Händewaschen.
Klinikärzte als Todesursache konnte nicht sein - durfte nicht sein. Dr. Semmelweiß wurde der Klinik verwiesen.

Weitere 25 Jahre blieb das Kindbettfieber und die Frauen versuchten panisch alles, um nicht in die Ärzteabteilung aufgenommen zu werden. In der Summe waren es 50 verlorene Jahre. Schon im Mittelalter gebrauchten Hebammen heißes Wasser und frische Tücher, sowie gewaschene Hände. Schon 1795 hatte der schottische Arzt Gordon Kindbettfieber als Infektion bezeichnet. Der Erfinder der Homöopathie Hahnemann forderte dazu auf keine Straßenkleidung am Patienten zu tragen und die Hände zu waschen und sprach von ansteckendem Fluidum - lange vor Semmelweiß.

Als Semmelweis später über Vorträge seine Kollegen dazu brachte ihre Hände zu waschen reduzierte sich die Sterbequote auf 3 % in den österreichischen Krankenhäusern, die dazu bereit waren.
Trotz der erstaunlichen Resultate machten sich die europäischen Geburtshelfer-Ärzte über Semmelweis lustig und fühlten sich von dem seit fast 2 Jahrzehnten weiter seine Hygieneregeln verbreitenden Arzt Semmelweis belästigt.
So lockte ihn ein führender Wiener Arzt unter dem Vorwand der Inspektion in eine Irrenanstalt. Semmelweis erkannte die Falle, wollte flüchten, wurde geschlagen und in eine Zwangsjacke gesteckt. Zwei Wochen später starb er an den Verletzungen und an einer Blutvergiftung, genau wie die Frauen, die er versucht hatte zu retten.
Seitdem wird die Ablehnung neuer Ideen (ohne Überprüfung der Sinnhaftigkeit) "Semmelweis-Effekt" genannt.

Fortschritte waren nicht nur in der Medizin oft eine Leistung von Außenseitern, die von den Autoritäten ignoriert oder schikaniert wurden.
Nicht nur Ignaz Semmelweis traf 1849 überwiegend auf Ablehnung und verlor seine Stellung, auch Alexander Gordon, die die infektiöse Natur des Kindbettfiebers dargelegt hatte, er wurde nach seiner Veröffentlichung zum Kriegsdienst eingezogen und verstarb 4 Jahre danach an Tuberkulose.

Die Pockenimpfung hat ihre Anfänge in China und Indien und kam über Volks-Wissen in der Türkei und die Frau des dortigen englischen Botschafters nach Europa. Keine Universität, sondern ein Praktiker Jenner (und vorher Peys) beschrieb seine 20 -jährigen positiven Erfahrungen mit dem Animpfen von Kuhpocken und schrieb naiverweise an die Royal Society. Er erhielt sein Manuskript mit der eindringlichen Mahnung zurück, seinen Ruf als Wissenschaftler damit nicht zu gefährden. Dem Bericht des deutschen Landarztes Plett erging es mit der Universität Kiel nicht besser (alles wird heute in dokumentarischen Filmen unterschlagen).